Das Yoga, wie wir es heute praktizieren, hat wenig gemein mit jenem Yoga, das vor 2.500 Jahren in Indien erfunden wurde. Als Massen­phänomen setzt es sich hierzulande erst seit wenigen Jahren durch.

Das Sein ins Gleichgewicht zu bringen: Das ist das Basisversprechen, das Yoga den weltweit Millionen praktizierenden Yogis und Yoginis geben kann. Der Bedarf danach scheint durchaus gegeben zu sein: Yoga, das weder als reine Sportart noch als Philosophie und schon gar nicht als religiös-esoterische Übung definiert werden will, ist ein Massenphänomen geworden. Die UNO hat es zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt und obwohl man, um Yoga zu praktizieren, bestenfalls eine Matte benötigt, setzen Sonnengruß und Padmasana weltweit Unsummen um: Das Wall Street Journal schätzte den Börsenwert der Yogaindustrie bereits vor fünf Jahren auf nicht weniger als 42 Milliarden Dollar.

Sport für Körper und Geist?

Kein Wunder: Alleine in Österreich soll es 250.000 Yogis und Yoginis geben, Tendenz steigend. Der Erfolg von Yoga kommt dabei nicht von ungefähr: Es bedient eine breite Zielgruppe körperbewusster  und auch spiritueller Menschen, die sich unter Anleitung anstrengen und dadurch letztlich entspannen wollen. Dabei gibt man dem Körper jene Flexibilität und Grundkraft zurück, die durch unseren Alltag oft verloren gehen. Yoga ist zudem gesund für Stoffwechsel, unterstützt die Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen und hilft bei Rückenschmerzen. Im breiten Spektrum der Yoga-Stilrichtungen – es soll unzählige geben – ist für jeden Ehrgeiz, für jede sportliche Vorgeschichte und jede Zielvorstellung etwas dabei.

Hauptziel „loslassen können“

In Europa hat sich das sogenannte Hatha Yoga seit den 1920er Jahren als die populärste Yoga-Art durchgesetzt. Es ist ein „360-Grad-Sport“. Das Gleichgewicht zwischen Geist und Körper soll dabei über mitunter  anstrengende körperliche Übungen („Asanas“) sowie  Atem- und Meditationsübungen wieder hergestellt werden. Wenngleich die Übungsintensität in den diversen Ausprägungen der Stile unterschiedlich gewichtet ist, so hat sich doch am Prinzip seit den Yoga-Anfangszeiten nichts geändert. Schon als der als Vater des Yoga bekannt gewordene Patanjali (ca. 3. Jhdt. v. Chr.) sein „Yogasutra“ verfasste, war Yoga klar darauf fokussiert, einen besonderen  Zustand zu erreichen: Damals sollte durch die vollkommene Überwindung des eigenen Bewusstseins der Weg zur ultimativen Selbsterkenntnis geebnet werden. Heute ist der erfolgreich, der mittels Yoga seine Alltagssorgen loslassen kann …

Fotos: adidas/Wanderlust

 

Ich muss erstmal gar nichts.

Victoria Ecker betreibt in Wien unter der Marke doktor yoga zwei sehr erfolgreiche Yoga-Studios. Im Gespräch mit wellife erklärt sie, warum Yoga dort besonders erfolgreich ist, wo man beim Üben ohne Leistungsdruck den Körper gleichzeitig zu kräftigen und ihn zu entspannen lernt. 

 

Wellife: Ist Yoga mehr Sport, mehr Philosophie, ist es mehr Entspannung- oder Dehnungsübung  – wie definiert sich Yoga?

Victoria Ecker: Es ist alles das. Je nachdem, was der Einzelne will und braucht und sucht. Für manche ist es schlicht Gymnastik, für manche ist es ein auspowerndes Workout. Für Menschen, die körperlich nicht so fit sind, ist es mehr Atmung und mehr Meditation. Ich sehe es wie ein Buffet. Darauf sind Übungen, Techniken und Möglichkeiten angerichtet, von denen man sich nehmen kann, was man will. Das geht von Körperübungen und Bewegungen über Atem- oder Meditationsübungen bis hin zu den Reinigungsübungen, die die alten Yogis gemacht haben. Was wir im Westen heute als Yoga praktizieren, besteht zu 95 % aus Bewegung.

Es gibt viele absurde Yoga Trends …

… ja, Tequila-Yoga oder Ziegen-Yoga. Ich persönlich halte davon nicht viel. Ich mag’s halt nicht, wenn Ziegen auf mir herumtrampeln. Aber ich find’ super, dass solche Trends wahrscheinlich mehr Menschen zum Yoga bringen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass man ein Leben lang Bier-Yoga machen will, aber wenn sich dadurch mehr Männer mit Yoga auseinandersetzen … warum nicht? Ich bin da relativ liberal.

Wohin geht die Reise im klassischen Yoga moderner Prägung?

In Richtung weniger Leistungsdruck, weniger Esoterik, weniger Gurus. Jeder Yogaschüler ist sich selbst sein eigener Guru, der Lehrer ist ein Dienstleister.

Es gibt unendlich viele Stile. Was ist die Gemeinsamkeit und was macht ihre Faszination aus?

Das Gemeinsame ist eine gewisse Achtsamkeit. Für mich ist wichtig: Kein Leistungsdruck – ich muss das nicht machen, ich muss das nicht können. Ich muss erstmal gar nichts. Ich mach’ nur das, was mir guttut! Ich stress’ mich nicht, denn Stress hab’ ich eh den ganzen Tag. Ich sag’: Wurscht, ich probier’s einmal und schau, was passiert.

Das ist aber nicht überall so. Im Bikram-Yoga zum Beispiel, bei dem man die Übungen bei 40 Grad Celsius macht, geht’s sehr wohl um Leistung und Zielerreichung.

Stimmt. Die Yogastile aus dem letzten Jahrhundert, die sich so von 1960 bis 2000 entwickelt haben, die waren wesentlich strenger. Da durfte man fast nicht lachen, man musste alles genau so machen, wie der Lehrer sagte, und der Lehrer war der große Guru. Ihm hat man nicht widersprochen. Bei doktor yoga pushen wir niemanden. Wir machen eher das Gegenteil, sagen, „Hey, mach ein bissl weniger, mach einmal Pause!“ Die Leute pushen sich ohnehin selber.

Wenn man Yoga unter dem gesundheitlichen Aspekt sehen wollte: Bei welchen Leiden kann Yoga helfen?

Zunächst ist eines wichtig: Man muss deutlich machen, dass man als Yoga-Lehrender kein Mediziner ist, kein Psychologe und kein Therapeut. Wer Yoga übt, kann zwar eine Verbesserung bei manchen Alltagsleiden erzielen, aber zu einer Diagnose sollte man unbedingt nur einen ausgebildeten Mediziner heranziehen.

Man kann aber durch Yoga Linderung von Beschwerden erzielen.

Ja, zum Beispiel bei Rückenbeschwerden. Oder Schmerzen in den Schultern. Gerade Schmerzen im unteren Rücken sind oft das Resultat einer Verkürzung von Muskeln und Sehnen. In so gut wie jedem Yogastil wird das gedehnt. Aber auch Kopfschmerzen, die durch Verspannungen entstehen, gehen oft schnell weg. Oder: Durch Laufen oder Radfahren verkürzte Oberschenkelrückseiten- und Wadenmuskulatur wird durch Yoga gedehnt und gestärkt. Das gilt auch für die Fußmuskulatur, die ist ja gerade bei Frauen ein Problem, weil die oft zu hohe, zu spitze oder zu enge Schuhe tragen. Das kann sich bis in den oberen Rücken auswirken.

Apropos: Yoga scheint eher von Frauen ausgeübt zu werden. Warum?

Keine Ahnung. In Indien war Yoga ausschließlich Männern vorbehalten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte man im Königspalast begonnen, Yogaübungen für Soldaten zur Kräftigung einzuführen. Also ein reines Männerding. Davor war Yoga mehr Meditation, eine Philosophie. Vielleicht ist es das Esoterische, dem Frauen eher zugeneigt scheinen. Ein Grund könnte noch sein, dass Männer von Haus aus nicht so flexibel sind wie Frauen und ihnen Yoga deshalb nicht so leicht fällt.

Trotzdem zieht Yoga auch immer mehr Männer an, oder täuschen wir uns da?

Nein. Ich hab zwar 80% Frauen in meinen Studios, aber es kommen doch immer mehr Männer. Ich war gerade in Kalifornien, wo Yoga in den 1960er und 1970er Jahren durch die Hippie-Bewegung wieder aufgekommen ist. Die sind uns dort in Bezug auf Yoga zehn bis 20 Jahre voraus. Und es gibt 30 bis 40% Männer in den Studios.

Wenn ich meinen Lifestyle ändern will: Warum sollte ich mich Yoga nähern?

In vielen Sportarten finden Sie noch mehr Stress und Druck. Man baut den Stress nicht ab, den man tagsüber aufgebaut hat, sondern erhöht ihn sogar noch. Yoga ist: Wenig Leistungsdruck, Atemübungen, die beruhigend wirken. Dadurch baut man Stress ab. Bei Yoga bewegt man sich, der Serotoninspiegel steigt, der Stoffwechsel wird angeregt, zusammen mit der Achtsamkeit – das alles und mehr führt dazu, dass man quasi von selbst gesünder lebt, sich anders ernährt und eben mehr auf sich achtet.

Fotos: doktor yoga

 

YOGA-STILE: KURIOSE TRENDS

    • Ziegen-Yoga Während der Asanas trampeln junge Ziegen auf dem Yogi oder der Yogini herum. Wie viele Yoga-Trends kommt auch dieser aus den USA und findet über die sozialen Medien weite Verbreitung in Europa. Soll angeblich die Konzentration auf Atem und Körperspannung heben. 
    • Lach-Yoga Zweifellos der lustigste Trend aus der Yoga-Bewegung. Erfunden soll es Norman Cousins, ein kalifornischer Wissenschaftsjournalist, haben. Während der Übungen wird grundlos gelacht. Irgendwann soll dieses Lachen in ein natürliches Gelächter ausarten, das dann befreiend wirken soll.
    • Nackt-Yoga Star der Szene ist die 28-jährige Australierin Jessa O’Brien. Ihr habe Nackt-Yoga geholfen, „ihren Körper zu akzeptieren und zu lieben“, schreibt sie. Dass ihr das nicht allzu schwergefallen sein dürfte, kann man auf ihrem Instagram-Profil „thenudeblogger“ gut sehen. 61.000 Menschen folgen ihr dort – nur wegen des Yogas natürlich. Mit den freizügigen Aufnahmen der hübschen Yogini hat das freilich nichts zu tun. 
    • Rage-Yoga Schreien, Fluchen und Asanas in der biergeschwängerten Luft im Hinterzimmer von Dickens Pub in Calgary, Canada: Wer was rauszulassen hat, kann das ebendort unter sachkundiger Anleitung von Lindsay Istace für 12 $ gerne auch beim Yoga tun.
    • Tequila-Yoga Erfinder David Sye beruft sich darauf, dass Tequila schon bei den Azteken zur rituellen Reinigung verwendet wurde. Tatsache ist: Wer sich vor der Session ein paar Shots Olmeca reinhaut, sieht die Asanas gleich entspannter.  Vom medizinischen Standpunkt aus muss man allerdings abraten.
    • Bier-Yoga Wurde von einer Berliner Yoga-Lehrerin, die es beim Burningman-Festival in Kalifornien gesehen hatte, nach Deutschland gebracht: Bierflaschen werden in die Übungen integriert, nach Anspannungsphasen gibt’s einen kräftigen Schluck.