Höhepunkt und Beginn zweier Tenniskarrieren

Er ist ein Tennis-Rookie aus der Steiermark.  Sie ist die 23. Nummer eins der WTA-Rankinglist.  Gemeinsam sind ihnen zwei Dinge:  die Merkur Versicherung als Sponsor und   Wimbledons Rasen als Ort, an dem sich trotz  Scheiterns ihre beiden Träume erfüllten.

Jedes Jahr, einmal nur, lebt die Chance. Während sich das ausgewählte Publikum an Erdbeeren und Champagner delektiert, haben die Spieler auf den Courts in Wimbledon alle Möglichkeiten. Der Aufstieg zahlloser Großer der Tenniswelt nahm hier seinen Ausgang. Boris Becker etwa, der mit 17 der jüngste Gewinner in Wimbledons 140-jähriger Historie war. Oder Andre Agassi, dessen Finalsieg 1992 den Beginn einer Ausnahmekarriere markierte. Wer sich ein wenig für Tennis interessiert, kennt heute auch Sebastian Ofner, jenen österreichischen Spieler, der sich in Wimbledon heuer überraschend bis in die dritte Runde kämpfen konnte. Das ist immerhin eine Runde weiter, als die Tschechin Karolína Plíšková, die auch heuer nicht über die zweite Runde hinauskam – und trotzdem in Wimbledon zur Nummer eins der Tenniswelt aufgestiegen war. Wimbledon, daran besteht kein Zweifel, ist magisch.

Glück und Pech liegen nah beieinander

Wer hier zum Zug kommt, ist in der Regel top vorbereitet. Natürlich, denn es geht um viel: Ganz abgesehen davon, dass es sich um das prestigeträchtigste der vier Grand-Slam-Turniere handelt, ist auch das Preisgeld nicht von schlechten Eltern; der Sieger im Einzel nimmt 2,5 Millionen Euro mit nach Hause. Für das Erreichen der zweiten Runde gibt’s 65.000 Euro, für die dritte Runde knapp über 100.000 Euro. Es lohnt sich also, gut vorbereitet zu sein. Doch selbst die beste Vorbereitung hilft nichts, ohne das Quäntchen Glück, das Champions erst zu Gewinnern macht. Wenn man das nicht hat, dann kann man die „Chance Wimbledon“ auch vergeben. So wie Topstar Ivan Lendl, der ausgerechnet bei den All England Championships immer wieder leer ausging. Jeder weiß: Bei kaum einem Turnier liegen Glück und Pech so nah beieinander.

Wo die Welt dem Mutigen gehört

Am heiligen Rasen zu reüssieren bedeutet, aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt zu sein. Der Belag lehrt selbst hartgesottene Profis das Fürchten: Vom Rasen in Wimbledon springen die Bälle flach ab und beschleunigen schnell. Lange Ballwechsel, wie man sie etwa aus Paris oder den US-Open kennt, gibt’s nur dann, wenn zwei Rasenspezialisten aufeinandertreffen. Dazu kommt: Bei kaum einem anderen Turnier stimmt der Spruch „Dem Mutigen gehört die Welt“ so sehr wie in Wimbledon. Offensives Spiel setzt sich hier durch; wer die kaum mehr gespielte Taktik „Serve and Volley“, also den direkten Netzangriff mit dem Aufschlag beherrscht, hat bessere Chancen. Ein starker Aufschlag ist das A & O bei „The Championships“. Klassische Returnspieler tun sich wegen der flachen Bälle sehr schwer.

Rasen: Hartes Pflaster für die Acequeen

Umso mehr verwundert, dass Karolína Plíšková bislang über die zweite Runde nicht hinauskam. Denn keine andere Spielerin ist weltweit so effektiv in ihrem Aufschlag wie die Tschechin, die sich ihren Beinamen „Acequeen“ auch in dieser Saison wieder mit rekordverdächtigen 396 Assen (bis Redaktionsschluss) verdient hat. Allein, ihr nützte diese Kraft ausgerechnet in Wimbledon nichts. Seit 2012 versucht sie erfolglos, beim Grand Slam in London über die zweite Runde hinauszukommen. Was durchaus nicht nur an ihren Gegnern liegt. Einige von denen, gegen die Plíšková in Wimbledon den -Kürzeren zog, sind weit entfernt davon, der heute 25-jährigen Tschechin in einem „normalen“ Match das Wasser reichen zu können.

Foto

Foto: Sam Robinson

Großer Erfolg in jungen Jahren

Als Karolína Plíšková das erste Mal in Wimbledon mitspielen durfte, 2012, war sie gerade einmal 21 Jahre alt, spielte seit drei Jahren Profitennis und bekleidete in der WTA-Weltrangliste den 120. Rang. 21 Jahre alt ist auch Sebastian Ofner, seine beste Platzierung heuer war Rang 129. Das war, als er sich in Kitzbühel im Semifinale dem Portugiesen João Sousa geschlagen geben musste. Ein Jahr zuvor war er noch auf Platz 571 gelegen, die Verbesserung kam also ziemlich überraschend.

 

Karolína Plíšková

„Der Plan war immer nur Tennis. Immer. Einen Plan B gab es nicht.“

Erst schmächtig, nun prächtig in Form

Bis die Championships von Wimbledon dafür sorgen sollte, dass er sich in die Riege der Hoffnungsträger des österreichischen Tennis einreihen konnte, war Sebastians Leben als Tennisspieler eher durchschnittlich gewesen. Talent hatte er zwar schon immer bewiesen, aber im Unterschied zu anderen Spielern war dieses Talent als eher zweitklassig gewertet worden. Sebastians -Anstrengung konzentrierte sich primär darauf, die Schule erfolgreich zu beenden. Ganz abgesehen davon, dass seine körperliche Disposition auch gar keine Fokussierung auf das Training zugelassen hätte, wie der Jungstar im Gespräch mit Wellife zugibt: „Ich war sehr lange eher klein und schmächtig. Bis ich 18 war, war ich ein bis zwei Jahre körperlich hinten nach; ich meine, ich habe keinen schlechten Körper – bislang hab ich’s ja ohne gröbere Verletzungen geschafft. Aber wenn ich mit 17, 18 Jahren schon so viel trainiert hätte wie jetzt – ich glaube nicht, dass mein Körper das ausgehalten hätte.“ Jetzt muss er es aushalten. Seit heuer trainiert Ofner 20 bis 25 Stunden in der Woche nur Tennis. Das Training wird dem gebürtigen Steirer, seit er 14 ist, vom ÖTV ermöglicht. Ihm streut Ofner Rosen: „Man zahlt einen gewissen Beitrag und in dem ist einfach alles enthalten: Tennistraining, Konditraining, die Plätze etc. Unmöglich, das privat so zu finanzieren. Und bis ich 19 war, hatte ich keine hohen Kosten. Ich hab’ ja nicht so viel Turniere gespielt und war wegen der Schule selten auf Reisen.“

Tennis als Plan fürs Leben

Schule, das war für Karolína und ihre Zwillingsschwester Kristyna Plíšková nie so wichtig gewesen. „Ich habe nie daran gedacht, etwas anderes zu machen als Tennis“, so erzählt uns Karolína. „Von dem Moment, als ich mit fünf Jahren das erste Racket halten konnte, war das klar gewesen.“ Natürlich, zur Schule sei sie gegangen wie jeder andere auch. Besonderen Ehrgeiz habe sie dort aber nicht gezeigt, meint Karolína. Wozu auch, wenn man weiß, was man will? „Ich hatte immer nur einen Plan. Das war immer nur Tennis, immer. Einen Plan B gab es nicht. Und Plan A hat ja funktioniert.“ Und das sogar ausgesprochen gut – zumindest für Karolína. Auch für ihre Zwillingsschwester läuft’s nicht so schlecht, ihr hat aber bislang offenbar jenes Glück gefehlt, das Karolína so erfolgreich hat werden lassen. Die Sandplatzspezialistin muss sich mit der Nummer 46 als bisher bester Platzierung im Ranking zufrieden geben, während ihre Schwester, die den Hartplatz bevorzugt, heuer erstmals für wenige Wochen Nummer 1 im WTA-Ranking gewesen war. Geldsorgen jedenfalls waren ab einem gewissen Moment für keine der beiden Schwestern Thema: Karolína hat in ihrer Karriere bislang allein an Preisgeld fast 10 Millionen Dollar verdient, ihre Schwester liegt bei guten 1,4 Millionen Dollar.

Stetiges Arbeiten an den Schwächen

Sebastian Ofner darf diesbezüglich noch träumen. Noch lebt er in seinem Zimmer in der Südstadt und nicht wie Plíšková in einem schicken Apartment in Monte Carlo. Bis zu seinen Daviscup-Auftritten tat er sich schwer, seine Turniere zu finanzieren; seit er bei Challenger-Turnieren erfolgreich ist, spielt das Preisgeld einen Teil der Kosten wieder herein. Auch was die Platzierung betrifft, ist Potenzial nach oben da. Von den Top 10 im ATP-Ranking ist er weit entfernt. Dort war zu Redaktions-schluss gerade Dominic Thiem, der Sohn von Sebastians Trainer Wolfgang Thiem, die Nummer 7. Doch selbst -dessen Abstand zur Nummer 1, zu Raphael Nadal, ist auf Sicht nicht wieder aufzuholen. Sebastian Ofners größtes Vorbild ist Roger Federer: „Mit 36 Jahren noch einmal zwei Grand-Slam-Turniere zu gewinnen, macht ihm so schnell niemand nach.“ Er selbst hat sich zunächst vorgenommen, sich unter die Top 100 vorzuarbeiten. Step by step, in kleinen, erreichbaren Schritten eine große Vision zu verwirklichen, ist das Motto. Dazu ist viel zu tun, gerade jetzt, wo’s im Frühherbst nicht so optimal gelaufen ist. Seine Schwächen sind ihm bewusst: Die Kon-stanz beim Aufschlag mache ihm Sorgen, sagt er, die sei zu schwankend. „Auch beim Spiel aus der Defensive ist noch sehr viel drinnen, ebenso beim Spiel nach vorne.“ Was noch? Ans Netz zu gehen und Volley zu spielen ist nicht seine Stärke, meint er, und überhaupt: An der Sicherheit seiner Schläge gelte es auch zu arbeiten. Am Selbstvertrauen kann sein Formtief jedenfalls nichts ändern. „Ich bin ein sehr relaxter Typ. So leicht bringt mich nichts aus der Ruhe.“

Sebastian Ofner

„Ich hätte dieses Training mit 17 körperlich gar nicht gepackt.“

Alles ist möglich, nix ist fix

Coolness ist auch eine Eigenschaft, die Karolína Plíšková attestiert wird. Der Druck, der da sein muss, wenn man an der Weltspitze seinen Platz verteidigen muss, macht ihr nichts aus, sagt sie. „Es ist mir egal, ob ich Nummer eins oder Nummer vier in der Rangliste bin“, so Plíšková, „dieses Ranking ist ohnehin nur wichtig für die Medien und die Sponsoren und wie man in den Turnieren gesetzt ist. Vom Gefühl her ändert es aber nichts. Denn auch wenn man ganz an der Spitze steht – niemand schenkt dir deswegen etwas. Spielen musst letztlich du selbst für deinen Erfolg.“ Die ersten acht der Rangliste würden zudem von ihrem Spiel her so nahe beieinanderliegen, sagt sie, dass bei jeder alles möglich sei. Der Druck jedenfalls sei von ihr gewichen, seit sie ihre Nummer-eins-Position nicht mehr behaupten muss. Bei den US Open war das noch anders: „Klar, da hatte ich viele Punkte zu verteidigen. Und ich musste beweisen, dass ich wirklich an die erste Stelle der Rangliste gehöre – gerade weil ich ja während Wimbledon dahin gelangt war, ohne zu spielen.“ So gesehen kann Plíšková auch 2018 dort ganz relaxt versuchen, ihren Aufschlag durchzubringen. Viel zu verlieren hat sie in England nicht. Sebastian Ofner hingegen schon. Für ihn mag es ein Trost sein, dass Karolína in Sebastians Alter ziemlich präzise dort angelangt war, wo er heute steht. Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Während Karolína und ihre Schwester bis zu ihrem 25. Lebensjahr warten mussten, bevor die Merkur Versicherung das Sponsorship für die Zwillinge übernahm, gelang Sebastian Ofner dieses Kunststück schon mit 21 Jahren. Was zeigt: Alles ist möglich!